10 Fragen an … Tobias Treis – Gemeinsam mit Ivan Giovanett ausgezeichnet als Visionäre des Jahres 2024

„Man möchte etwas Eigenes hinterlassen“

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INTERVIEW Nick Pulina | FOTO birdyfoto

Jeder hat schon einmal etwas verloren und es nach kurzer Zeit wieder vergessen. Dass dies aber gleich mit einer ganzen Weinbergslage passiert, ist eher selten. Im Fall des Moselwinzers Tobias Treis und seines Südtiroler Kollegen Ivan Giovanett ist es 2011 aber fast genau so gekommen. Die Bewirtschaftung des Reiler Sorentbergs, einer extremen Steillage an der Mittelmosel, war fast 25 Jahre zuvor von allen ansässigen Weingütern eingestellt worden und der Weinberg geriet, verwildert und abseits der gewohnten Routen, beinahe in Vergessenheit. Bis die beiden Jungwinzer beschlossen, ihn wieder auf Vordermann zu bringen.

Und spätestens als sie bei den Arbeiten im Hang alte, wurzelechte Riesling-Reben entdeckten, war ihr Engagement belohnt und weitere Motivation geweckt worden. Seither erzeugen Treis und Giovanett Weine, mit denen sie das einzigartige Terroir der Lage einfangen und so ihre Spezifität langfristig erlebbar machen und bewahren wollen.

Wir sprechen mit Tobias Treis über das Projekt Sorentberg, die Zusammenarbeit der beiden Winzer und die Frage, wie man den süßen Gaumen von Moselwinzern mit dem internationalen Markt in Einklang bringt.

1. Herr Treis, wie entdeckt man einen Weinberg wieder?

Einen Teil des Sorentbergs hatten meine Eltern schon immer in der Bewirtschaftung. Allerdings haben sie den – wie die anderen Winzer drum herum auch – in den frühen 90ern aufgegeben. Zu der Zeit sind die Lohnkosten stark gestiegen und außerdem schwappte eine Rotweinwelle über Deutschland; jeder wollte Rotwein trinken. Da wurde es ziemlich schwer, hochpreisige Moselweine zu verkaufen. Und da der Sorentberg aufgrund seiner Lage mitten im Wald immer sehr mühselig zu bewirtschaften war, musste er als erster dran glauben.

Als Kind hab ich meinen Eltern immer bei der Lese geholfen. Das ist natürlich nur bedingt spaßig, wenn man noch keinen Wein trinken darf, aber daher konnte ich mich eigentlich die ganze Zeit über noch gut an den Weinberg erinnern.

Wenn man nach dem Studium zurück in den elterlichen Betrieb kommt, stellt sich dann die Frage, ob man jetzt einfach so weiter macht wie bislang oder ob man eine eigene Idee verfolgen will. Ich bin damals nochmal zum Sorentberg gefahren und habe da die Entscheidung getroffen, das irgendwann einmal neu anzupflanzen. Die Rahmenbedingungen sind super: roter Schieferboden und noch dazu eine Monopollage. Außerdem habe ich mich dran erinnert, wie mühselig die Arbeit hier immer war. Und im Studium habe ich gelernt: Wo der Winzer am meisten schwitzt und wo die Reben am meisten leiden, wachsen die besten Weine.

2. Die alten Reben nicht zu vergessen!

Dass da noch alte Reben standen, wussten wir erst gar nicht. Die stehen ganz weit oben am Rand des Berges, die hatte niemand mehr auf dem Schirm. Und als weinbegeisterter Mensch weiß man ja, dass die alten Reben tief wurzeln und dadurch mineralischere und ausdrucksstärkere Weine hervorbringen. Wir haben das Alter natürlich zu recherchieren versucht, aber in der Kartei ist 1946 als Pflanzdatum eingetragen. Das ist in etwa das ‚John Doe‘ unter den Pflanzjahren. Wenn man kein Pflanzjahr weiß, trägt man 1946 ein. Die Reben im Sorentberg werden wahrscheinlich älter sein, zwischen achtzig und hundert Jahre alt schätzen wir.

3. Sie haben den roten Schiefer schon angesprochen. Was ist das Besondere an den Böden des Sorentbergs?

Grundsätzlich ist roter Schiefer immer etwas anders als blauer Schiefer. Höchstens fünf Prozent der Weinbergsflächen an der Mosel haben roten Schiefer in ihren Böden. Die Weine von dort sind meist etwas kräuteriger und haben eine wärmere Struktur. Blauer Schiefer bringt eher schlanke Weine mit kühler Frucht und feiner Mineralik hervor. Beim roten Schiefer ist es genau andersherum: Die Weine sind eher breit, relativ voluminös und haben eine warme Aromatik.

4. Ihre beiden Sorentberg-Hauptweine bauen Sie halbtrocken aus. Wieso das?

Wir wollten unsere Weine trocken schmeckend haben, weil wir uns ja auch an internationales Publikum richten. Moselwinzer trinken nunmal gern etwas süßer und selbst den Südtiroler haben wir so weit gebracht (lacht). Da geht es natürlich aber auch um die Langlebigkeit der Weine: Moselweine mit einem kleinen bisschen Restsüße halten ihre Spannung länger aufrecht. Außerdem steht bei den elf bis zwölf Gramm Restzucker in den Weinen die Süße nicht im Vordergrund. Durch den kühlen Wind, der durch das Seitental weht, bekommt der Wein ohnehin immer eine etwas säurebetonte Struktur, die mit der Süße ausbalanciert wird.

5. Wie sind Sie und Ihr Mitstreiter Ivan Giovanett überhaupt zum Wein gekommen?

Wir sind beide Winzersöhne. Kennengelernt haben wir uns – wo auch sonst – bei unserem Studium in Geisenheim. Ivan war für ein Austauschsemester da, hat in einer WG mit drei Italienern gewohnt; ich hatte eine WG mit ein paar ‚Moselanern‘ und einem Rheinhessen – da mussten sich unsere Wege irgendwann kreuzen. Wir haben uns oft alle gemeinsam getroffen und gegrillt, Fußball gespielt und natürlich getrunken (lacht).

6. Und wie zum gemeinsamen Projekt Sorentberg?

Wir waren und sind beide bei den elterlichen Weingütern angestellt, sozusagen als ein weiteres Kettenglied in der Generationenfolge. Das wollten wir auch nie aufgeben. Man möchte ja aber auch etwas Eigenes hinterlassen. Und da hat die Idee mit dem Sorentberg-Projekt einfach gepasst wie die Faust aufs Auge. Ein bestehendes Weingut so umzustellen, dass man schließlich eine ganz neue Preis- und Qualitätsstruktur erreicht, ist sehr schwierig. Aber so hatten wir ein weißes Blatt Papier, auf dem wir unsere Vision vom Spitzenriesling im Top-Segment von Grund auf hochziehen konnten.

7. Für Ihre Vision wurden Sie und Ivan Giovanett ja auch im neuen Gault&Millau Weinguide 2024 ausgezeichnet. Wie sieht diese Vision genau aus?

Uns geht es darum, wirklich einen Riesling im Spitzensegment zu produzieren, der die ganz eigene Lagencharakteristik des Sorentbergs einzufangen und in den Vordergrund zu stellen weiß.

8. Wie ist Ihre Zusammenarbeit organisiert?

Zu Beginn war es so angedacht, dass ich der Mann vor Ort bin und mich hauptsächlich um die Produktion kümmere, während Ivan über sein deutlich größeres Weingut die Vertriebsstruktur einbringt. Mittlerweile geht da aber vieles Hand in Hand. Er ist mittlerweile ebenso sechs- bis siebenmal im Jahr bei uns in Reil wie ich sechs- bis siebenmal im Jahr bei Verkaufsveranstaltungen dabei bin. Das hat sich mit den Jahren gut eingespielt.

9. Und das Projekt Sorentberg ist nun abgeschlossen?

Das würde ich so nicht sagen. Wir haben inzwischen das Sortiment ein bisschen erweitert. Zu Beginn gab es nur unsere zwei Hauptweine, die wir seither jedes Jahr machen: den „Rotschiefer“ und den „Von 1000 Alten Reben“. 2020 haben wir aufgrund des kühlen Jahrgangs und der dadurch zum Teil nicht ganz reif gewordenen Trauben zum ersten Mal einen ganz klassischen Mosel-Kabinett produziert. In warmen Jahren wie 2018 dann im Prinzip das gleiche, nur anders herum: Hätten wir alles auf einmal gelesen, wären die Weine wegen der hohen Reife und der einsetzenden Edelfäule zu üppig geworden. Also haben wir aus den Botrytis-Trauben eine edelsüße Auslese gekeltert. Der Hauptwein wurde frischer und wir haben einen spannenden neuen Wein ins Portfolio bekommen. 2023 kam dann auch noch eine Spätlese dazu, sodass wir jetzt die Pyramide komplett haben. Und so reagieren wir auf jeden Jahrgang unterschiedlich und so machen wir auch weiter. An Ideen mangelt es uns nicht.

10. Vor dem Essen lieber Champagner oder restsüßer Riesling-Kabinett?

Am besten beides. In dieser Reihenfolge.

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